Sollten wir die Cloud verlassen und eigene Server betreiben?
Eine nüchterne Betrachtung von lokalem Hosting vs. Cloud
Früher oder später stellen sich viele Teams dieselbe Frage:
„Warum zahlen wir eigentlich so viel für Cloud — könnten wir das nicht einfach selbst betreiben?"
Der Gedanke ist nachvollziehbar:
- steigende Cloud-Kosten
- Wunsch nach Kontrolle
- Datenschutz und Compliance
- Gefühl von Abhängigkeit
Aber die Antwort ist selten schwarz oder weiß.
Schauen wir uns die echten Vor- und Nachteile an — ohne Ideologie.
Was ein „lokaler Server" wirklich bedeutet
Oft stellt man sich vor:
- ein Server im Büro
- lokale Festplatten
- Docker oder Bare Metal
- Zugriff über VPN
In der Realität bedeutet das zusätzlich:
- Stromausfallschutz
- Netzwerkausfallsicherheit
- Backups
- Monitoring
- Security
- Notfallkonzepte
Ein lokaler Server ist kein Gerät.
Er ist eine dauerhafte Verantwortung.
Die echten Vorteile lokaler Infrastruktur
1. Planbare Kosten
Nach der Anschaffung:
- keine nutzungsabhängigen Gebühren
- keine Überraschungen im Billing
Für stabile interne Systeme kann das sinnvoll sein.
2. Volle Datenhoheit
- Daten bleiben im eigenen Haus
- klare Zugriffskontrolle
- oft einfachere Datenschutzargumentation
Besonders relevant für:
- interne Tools
- Industrie- & Produktionssysteme
- sensible Betriebsdaten
3. Extrem geringe Latenz im Büro
Für On-Site-Nutzung:
- praktisch keine Latenz
- unabhängig vom Internet
Ein echter Vorteil — aber nur in bestimmten Szenarien.
Die unterschätzten Nachteile
1. Verfügbarkeit liegt komplett bei euch
Cloud-Anbieter liefern:
- redundanten Strom
- redundante Netzwerke
- Failover
- Monitoring
Lokal bedeutet:
- Stromausfall = Downtime
- Hardwaredefekt = Downtime
- Netzwerkproblem = Downtime
Ihr seid euer eigenes Ops-Team.
2. Backups & Desaster-Recovery
Hier scheitern viele lokale Setups.
Fragen, die beantwortet werden müssen:
- Wo liegen die Backups?
- Was passiert bei Brand oder Diebstahl?
- Werden Restore-Prozesse getestet?
Cloud-Backups sind langweilig — und genau deshalb gut.
3. Security ist komplett eure Aufgabe
- Patches
- Firewalls
- Zugriffskontrollen
- physische Sicherheit
Machbar — aber nur mit klaren Prozessen.
4. Skalierung wird langsam und physisch
Cloud:
Lokal:
- Hardware kaufen
- warten
- einbauen
- migrieren
Bei Wachstum wird das schnell zum Bottleneck.
Der große Irrtum: „Lokal ist immer günstiger"
Oft stimmt das nicht.
Rechnet man ein:
- Hardware-Erneuerung
- Strom & Kühlung
- Admin-Aufwand
- Ausfallrisiken
sind die Gesamtkosten häufig ähnlich — oder höher.
Cloud ist teuer sichtbar.
Lokale Systeme sind teuer versteckt.
Wann lokale Server sinnvoll sind
Lokales Hosting macht Sinn, wenn:
- das System rein intern ist
- Last stabil und planbar ist
- extrem hohe Verfügbarkeit nicht kritisch ist
- Daten besonders sensibel sind
- technisches Know-how intern vorhanden ist
Typische Beispiele:
- Produktionssysteme
- interne Tools
- regulierte Umgebungen
- Offline-First-Systeme
Der hybride Ansatz (oft die beste Lösung)
In der Praxis bewährt sich häufig:
- lokale Systeme für Kern- und Sensitivdaten
- Cloud für:
- öffentliche Services
- Skalierung
- Backups
- Analytics
- Notfallbetrieb
Hybrid ist weniger ideologisch — und deutlich robuster.
Eine oft übersehene Erkenntnis
Cloud verkauft nicht nur Server.
Cloud verkauft Risikoverlagerung.
Ihr bezahlt dafür, dass:
- jemand anderes die Redundanz baut
- jemand anderes nachts erreichbar ist
Lokal heißt:
- ihr tragt dieses Risiko selbst
Manchmal ist das richtig.
Manchmal nicht.
Fazit
Das ist keine Glaubensfrage.
Es geht um:
- Kritikalität
- Team-Reife
- Wachstum
- Risikobereitschaft
Cloud ist nicht faul.
On-Prem ist nicht mutig.
Gute Architektur entscheidet sich für bewusste Kompromisse.